45 Jahre Design – Die 1990er Jahre

Unsere Reise durch die Geschichte des Designs geht weiter in die kontroversen 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts.

Kontrovers, weil sie widersprüchlich und verrückt waren wie keine andere Zeit.

Innerhalb weniger Jahre verändert sich die Welt, sie wandelt sich völlig, greift die Versatzstücke ihrer eigenen Vergangenheit auf, reißt dabei ihre Gewissheiten in Stücke und bereitet sich darauf vor, alles in das neue Jahrtausend zu bringen, indem sie die unterschiedlichsten Elemente, gegensätzliche und entgegengesetzte Trends integriert und vermischt.

Die alte Welt bröckelt, die Gewissheiten, die den vorangegangenen Jahrzehnten Substanz und Kraft verliehen hatten, fallen eine nach der anderen; die Zukunft der Generationen ist nun ungewiss, sie ist wahrlich ein unerkennbares Geheimnis.

Eklektizismus: Das ist das Wort, das wir wählen würden, um das gesamte Jahrzehnt mit einem Begriff zusammenzufassen.

Wir mögen alles und das Gegenteil von allem: Wir mögen Plastik, wie in den 1980er Jahren, sind aber aus einem neuen Umweltbewusstsein heraus auch gegen seine Verwendung; wir mögen knallige Farben und gewagte Formen (wie kann man sich nicht an die Logos zweier berühmter Fernsehserien dieser Zeit erinnern, Seinfeld und Saved By The Bell?), wie uns die Entwürfe der Gruppe Memphis gelehrt haben, doch parallel dazu lernen wir auch,  gedämpftere Töne, diskretere Formen, kennen, einfachere Herangehensweisen an die Kunst und an das Leben (und an die Musik, wie die aufstrebenden Bands aus Seattle nur zu gut wissen).

Wir sind immer noch in tausend soziale und soziologische Gruppen geteilt, doch nun treten die Unterschiede, die uns trennen, auch gewaltsam zutage (man erinnere sich an die Schlacht in Los Angeles 1991), und die neuen Generationen werden zu Trägern von Werten, die noch die selbstverständlichsten Zustände und die etabliertesten Gewissheiten in Frage stellen (Bands wie Nirvana und Rage Against The Machine sollen uns daran erinnern).

Filme wie „American History X“, „In the Name of the Father“, „Matrix“, „America Today“ und viele andere werfen ein Schlaglicht auf Gewissensfragen und -konflikte; Bands wie Guns’n’Roses und Pantera auf der einen Seite und Public Enemy und Niggaz Wit Attitudes auf der anderen Seite bringen alle Widersprüche der Gesellschaft ans Licht.

Die „Massifizierung“ der 1980er Jahre führte dazu, dass Wissen über Kunst, Design, Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft zum Gemeingut wurde. Gleichzeitig nahm langsam eine neue persönliche Dimension Gestalt an, die Wiederentdeckung der Intimität des Individuums, in seinen nach innen und nach außen gerichteten Dimensionen, in ihren positiven und negativen Aspekten.

In allen Fällen und in allen Richtungen hat die große Internet-Revolution den Rest erledigt.

Kurz gesagt, die 1990er Jahre waren Zeugen sowohl des Triumphs der oberflächlicheren ästhetischen Tendenzen der vorangegangenen Jahrzehnte in einer Revival-Tonart, als auch gleichzeitig ihres Höhepunktes, ihrer Krise, ihres Untergangs und des zaghaften Auftauchens neuer Tendenzen, neuer Bewusstseinsformen, die dann im folgenden Jahrzehnt die neuen Horizonte bilden sollten.

In einer so vielschichtigen Situation konnte jeder seine persönliche oder – im Falle von Unternehmen – seine firmeneigene Haltung zum Ausdruck bringen.

Einige haben auf die Form gesetzt, andere auf die Funktion, wieder andere auf Innovation; einige trauten sich mutige Entscheidungen zu, andere hielten sich durch ein mehr nüchternes Profil eher zurück.

Aus den vielen denkbaren Möglichkeiten haben wir vier Objekte ausgewählt, die auf unterschiedliche Weise genau diese Vielfalt der Visionen vertreten.

Das erste unserer Objekte ist der berühmte „Cartoons“, der von Luigi Baroli entworfene Design-Paravent, der 1994 mit dem Compasso d’Oro ausgezeichnet wurde: eine ikonische, selbsttragende und prächtige Trennwand, die vielleicht zum ersten Mal ein zaghaftes ökologisches Bewusstsein in die Lebensräume vieler Menschen brachte.

Das Archivio Multimediale der Designer Giovanni Anceschi Valeria und Bucchetti Matteo Bologna, das 1998 den Preis erhielt, zeichnet sich stattdessen durch nüchterne Linien und äußerste Funktionalität aus.
Das Archivio ist das Glanzstück des italienischen Designs im Bereich der Kommunikation und des Brandings und stellt eine der effektivsten Anwendungen der modernsten technischen Fähigkeiten der damaligen Zeit im Bereich der Produktion dar.

Avantgarde und Innovation haben ihren Höhepunkt in der Kreation des Fahrrads Laser Nuova Evoluzione von Cinelli gefunden.
Futuristische Linien, Leistungssteigerungen und eine Synthese aus Klassizität und Technologie: Damit war der Preis des Jahres 1991 der Erfindung des Designers Antonio Colombo Paolo Erzegovesi sicher.

Was passiert, wenn man die traditionellen Linien der Vespa von Piaggio nimmt und sie auf der Grundlage der modernsten Technologien der Zeit, der neuesten Studien über die Verwendung des Rollers, der sozialen Dynamik der Zeit und der gerade im Entstehen begriffenen Trends in Ästhetik und Mode umgestaltet? Es entsteht einer der markantesten und ikonischsten Motorroller der 1990er Jahre, der Piaggio Sfera.

Wie die Zeitungen damals schrieben, eine Möglichkeit horizontaler wie vertikaler gesellschaftlicher Mobilität und ein regelrechtes Mischpult der Geschlechter.

Mit dem gleichen Initiativgeist, der darauf abzielt, Innovation und Funktionalität zu verbinden, hat Gaggia einige seiner avantgardistischsten Modelle auf den Markt gebracht.

Dazu gehörte 1991 der Bestseller „Gaggia Classic“, eine manuelle Espressomaschine, die schnell zu einer Ikone wurde und erfreut sich bis heute weltweit großer Beliebtheit. Dann, im Jahr 1993, entwarf der berühmte Designer Makio Hasuike – bereits Vater der Baby Gaggia – die Gaggia „Paros“ und „Tebe“. Sie sahen außergewöhnlich aus, scheinbar schwebend und transparent, alle Funktionen lagen sichtbar zutage, nichts war versteckt.

Die „Carezza“ (Liebkosung) von Fabio Rezzonico debütierte 1997 mit ihren weichen, unvergesslichen Formen. Eine manuelle Espressomaschine mit weicheren, geschwungenen Linien anstelle einer geraden Silhouette. Da Kunststoff in den 1990er Jahren eingefärbt werden konnte, wurde die Carezza in verschiedenen Farbtönen hergestellt.

Die Welt war bereit für eine neue Ära. Das gilt auch für unser Unternehmen.